Sprachheilschule – (sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren Sprache – kurz: SBBZ Sprache)

Bei der Antwort kann man es sich leicht machen: Es muss keine Sprachheilschulen geben. Es gibt viele Länder, wo es keine gibt. Aber dort, wo es sie gibt, sind sie ein Erfolgsmodell, das den ihnen anvertrauten Kindern zu Gute kommt. 

Egal, an welcher Stelle uns Kinder vorgestellt werden, ob in der Frühförderung, im Sonderpädagogischen Dienst oder im Diagnoseteam bei der Überprüfung  des Anspruches auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot steht immer das Kind im Mittelpunkt. Das Diagnoseteam des Staatlichen Schulamtes macht eine individuelle umfangreiche Eingangsdiagnostik, in der die Sprache des Kindes genau untersucht wird, aber auch die Wahrnehmung, die individuellen Lernvoraussetzungen, psychische, soziale oder emotionale Besonderheiten.  Das Staatliche Schulamt überlegt auf Grundlage der gemachten Diagnostik zusammen mit den Eltern oder Erziehungsberechtigten in einer Bildungswegekonferenz, wer dies leisten kann und wo der geeignete Lernort ist: die wohnortnahe Grundschule, eine Inklusionsklasse an einer Grundschule oder die Sprachheilschule des Landkreises Lörrach – die Eltern entscheiden mit und haben das Wahlrecht.

 Aus den Ergebnissen der Eingangsdiagnostik erstellen wir für jedes Kind an der Sprachheilschule oder in der inklusiven Beschulung an einer Grundschulklasse einen individuellen Therapie- und Förderplan (Entwicklungsplan), in dem wir festhalten, welche Dinge das Kind noch lernen muss. Sicher ist, dass keine Schüler in ein SBBZ Sprache aufgenommen werden, wenn sie nur leichte Sprachprobleme haben, z.B. isoliertes Lispeln. Das kann die Logopäde therapieren und das Kind kann trotzdem erfolgreich die Grundschule besuchen.

Die Kinder, die wir in unsere ersten Klassen aufnehmen, haben aber in der Regel massive Probleme in der Artikulation, in der Grammatik oder im Sprachverständnis. Wenn man sich vor Augen führt, dass diese Sprachbereiche bei einem normal entwickelten Kind mit etwa 3 Jahren fertig entwickelt sind, dann wird klar, dass unsere Schüler zum Teil trotz langwieriger logopädischer Betreuung, trotz Sprachförderung im Kindergarten 3 bis 4 Jahre in ihrer Sprachentwicklung zurück sind. Für diese Kinder ist die Sprachstörung das Entwicklungsrisiko ersten Ranges, und zwar nicht nur, dass sie vielleicht Lesen und Schreiben langsamer lernen oder eine Lese-, Rechtschreibschwäche entwickeln. Vielmehr ist der gesamte Schulerfolg in Gefahr.

Damit nun Schule auch für solche Kinder gelingt, ist eine Sprachheilschule eine ganz besondere Schule, nicht einfach eine etwas andere Grundschule mit kleinen Klassen und Sprachtherapie nebenher. Wir haben einen auf die Probleme der Kinder speziell zugeschnittenen Unterricht, was die Methode und auch die Inhalte angeht. Die Sprachprobleme der Kinder werden im Unterricht aufgegriffen (therapieimmanenter Unterricht). Dieser therapeutische Blick auf die Kinder wirkt aber auch in die anderen Fächer hinein, ja bis in den Sport, wo wir ganz viele Wahrnehmungs-, Orientierung- und rhythmische Übungen anbieten. Dann haben wir einen eigens entwickelten Lese-Schreiblehrgang, der die allermeisten Schüler erfolgreich zum Lesen und Schreiben führt.

Daneben bieten wir für die Schüler Einzel- und Gruppentherapie (Therapieband) an, wo die Sprachprobleme direkt angegangen werden. Aber auch im Unterricht hat der Lehrer im sog. therapieimmanenten Unterricht die sprachlichen Hilfen im Blick, die jedes Kind braucht.

 

Weiterhin sind kleine Klassen (12 bis 14 Schüler/innen) unseres Erachtens Grundvoraussetzung, dass bestimmte Lerninhalte, wie kommunikative Förderung oder auditive Schulung überhaupt beim Kind ankommen kann.

Und schließlich versuchen wir, zu allen Kindern eine enge persönliche Beziehung aufzubauen. Beziehungspädagogik ist gerade bei Kindern mit Handicap ein wichtiger Baustein, um sich zu öffnen und Vertrauen zu gewinnen. „Man lernt nur von dem, den man liebt“ (Goethe). Wir übernehmen auch ein Stück weit die Verantwortung für das Gelingen von Schule, natürlich sehr abhängig von der Mitwirkung aller am Erziehungsprozess Beteiligten.

Wir verstehen Schule als Lebensraum, in dem die Kinder trotz ihrer Probleme sich ganz angenommen fühlen und sich in einem geschützten Raum ausprobieren können. In der Regel spüren dies die Kinder und kommen nach einer gewissen Eingewöhnungszeit gerne zu uns in die Schule und können sich öffnen.

Wir sind also keine besondere Grundschule, sondern eine wirklich ganz andere, besondere Schule – nach alter Bezeichnung eine „Sonderschule“ – deren oberstes Ziel ist, die sprachlichen Probleme zu überwinden und Lernen gelingen zu lassen, und somit den Kindern Bildungs- und Lebenschancen zu eröffnen. Damit lösen wir den in der UN-Menschenrechtscharta so oft zitierten Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe ein.

Was für das Gelingen dieses Weges spricht, sind die erfolgreichen Rückschulungszahlen. Ganz wenige Schüler haben auch noch nach der 4. Klasse Bedarf auf eine Beschulung an einer Sprachheilschule, einige wechseln an ein anderes SBBZ. Die allermeisten aber können wir auf Regelschulen zurückschulen.  Rückschulungen während der Grundschulzeit werden von uns intensiv begleitet. Die Kinder schnuppern zuerst zwei bis vier  Wochen in der Zielklasse, werden in dieser Zeit von unserem Sonderpädagogischen Dienst und Klassenlehrern  begleitet,  danach  tauschen wir uns mit den aufnehmenden Lehrern und den Eltern aus und überlegen, ob das Kind an der Regelschule verbleiben kann. Natürlich sind unsere Schüler oft keine super Aufsatzverfasser und im Diktat gibt es auch noch einige Fehler. Aber meist entlassen wir fleißige, zuverlässige Schüler, die die Grundlagen sicher beherrschen.

Unser bevorzugtes Schulmodell ist ein pyramidables, das heißt, dass wir gerne viele Schüler in den ersten Klassen haben, die dort die Grundlagen lernen und die wir bald ausschulen können. Die erlebte Wirklichkeit ist oft leider eine andere. Für manche Eltern heißt es: Versucht es doch im Zweifel erst mal in der Grundschule, bei Scheitern kann ja dann immer noch eine Umschulung an die Sprachheilschule erfolgen. Das führte dazu, dass eine wachsende Zahl sogenannter Quereinsteiger in die Klassen 3 und 4 zu uns umgeschult werden. Für die Schüler ist dies aber oft ein mühsamer Umweg, weil sie aus ihren gewohnten sozialen Gefügen herausgerissen werden und sich neu orientieren müssen. Dieses Umlernen bezieht sich aber auch auf völlig andere Methoden und Inhalte. Die Erfahrung zeigt, dass gewisse Lerninhalte in ein gewisses Zeitfenster passen. So ist gerade die auditive Schulung bei uns ein Hauptinhalt des 1. Schuljahres, also das Heraushören von Lauten aus Wörtern, das Hören von Reihenfolgen. Wenn Schüler in der 3. Klasse dies immer noch nicht beherrschen und sich zum Teil chaotische Ratestrategien beim Lesen angewöhnt haben, gelingt es nur sehr schwer, sie für diese Lerninhalte in höheren Klassen noch zu motivieren. Und schließlich hat dieses Scheitern an den Grundschulen mit den Kindern noch mehr gemacht, sie sind oft misserfolgsorientiert, haben wenig Selbstvertrauen.

Eltern von sprachbehinderten Kindern durchlaufen oft einen langen und schmerzlichen Leidensweg. Von Ärzten hören sie nicht selten, das wachse sich noch aus. In der eigenen Familie und Nachbarschaft sind sie oft quälenden Fragen ausgesetzt: „Was ist mit eurem Kind? Ist es nicht normal?“ Es gibt eine Vielzahl diagnostischer Beratungsstellen, therapeutischer Angebote und eine wachsende Zahl von Nachhilfeeinrichtungen. Da muss man Glück haben, an die richtige Stelle zu geraten.

Sicher tun sich auch viele Eltern anfangs schwer, ihre Kinder in unserer Beratungsstelle vorzustellen oder sich gar mit einer Einschulung anzufreunden. Wenn sie diese Hürde aber überwunden haben und die Kinder erst einmal bei uns sind, dann erleben wir in den allermeisten Fällen sehr zufriedene Eltern, die sehen, dass ihre Kinder bei uns gut aufgehoben sind. 

Daneben erleben wir aber auch eine hohe Akzeptanz unserer Schule bei Fachleuten, wie Logopäden, Ergotherapeuten, Beratungsstellen, Gesundheitsamt und Kindergärten. Sie können die Qualität unserer Arbeit zum Teil über viele Jahre hinweg beobachten und empfehlen uns mit gutem Gewissen.

Das ist das in vielen Jahrzehnten ausgefeilte und erprobte Erfolgsmodell Sprachheilschule.